Einleitung
Die mechanochemische Aktivierung (MCA) ist eine schnell wachsende Technologie in vielen Bereichen der Materialwissenschaften, insbesondere im Bauwesen. Sie basiert auf der Anwendung von mechanischen und chemischen Prozessen zur Veränderung von Materialien. Eine der Hauptanwen-dungen von MCA ist die Aktivierung von Zusatz-stoffen im Zement, den sogenannten Supplementary Cementitious Materials (SCMs). Diese Materialien umfassen Flugasche, Hüttensand, natürliche Puzzolane, sowie verschiedene Tone, die einen Teil des Portlandzements und somit des Klinkergehalts im Zement ersetzen können. Dadurch wird eine erhebliche Verringerung der CO2-Emissionen bei der Zementherstellung erreicht.
Hintergrund zu SCMs und ihre Bedeutung
Die Herstellung von Portlandzement auf herkömmliche Weise verbraucht viel Energie und setzt eine große Menge an Kohlendioxid frei. Die primären oder Scope 1 Emissionen mit ca. 500 kg CO2 pro Tonne Zement entstehen während des Brennens des Klinkers durch die Zersetzung von CaCO3 in CaO und CO2 und das dafür notwendige Verbrennen von fossilen oder alternativen Brennstoffen. Die Scope 1 Emissionen sind für etwa 85 % - 90 % des gesamten CO2-Fußabdrucks des Zements verantwortlich. Die Minimierung des Klinkergehalts im Zement und in Betonmischungen durch SCMs bietet ein erhebliches Potenzial zur Reduzierung dieser Emissionen. Zudem können SCMs positive Auswirkungen auf die Langzeitfestigkeit, Wasseranspruch, chemische Beständigkeit und Verarbeitbarkeit des Zements haben.
SCMs wie Flugasche, Hüttensand und Silikastaub sind Nebenprodukte anderer Industrien und tragen daher zur Wiederverwertung von Abfällen bei. Obwohl diese Materialien von Natur aus puzzolanische Eigenschaften haben, die sie für den Einsatz in Betonmischungen qualifizieren, wird ihre Reaktivität durch mechanochemische Aktivierung erheblich gesteigert. Zudem können auch Materialien wie Tone, die von Natur aus kaum oder gar keine puzzolanischen Eigenschaften haben, durch MCA nutzbar gemacht werden. Auch bei der Aktivierung von Tonen können Abraummaterialien aus vorhandenen Gruben oder minderwertige Tone aus der Ton- und Keramikindustrie mechanisch aktiviert werden und bieten somit eine ähnlich ressourceneffiziente Herstellung von SCMs wie bei den oben genannten Nebenprodukten.

Grundlagen der mechanochemischen Aktivierung
Mechanochemische Aktivierung bedeutet, dass mechanische Energie, in Form von Mahlvorgängen oder Verformungen auf ein Material angewendet wird und diese Energie chemische Reaktionen initiiert oder beschleunigt. Wenn SCMs mechanisch behandelt werden, wird das Material durch einen intensiven Mahlprozess zerkleinert und seine Oberfläche vergrößert sich drastisch. Durch die erhöhte Oberfläche können chemische Reaktionen schneller und effizienter ablaufen.
Neben der Oberflächenvergrößerung führt der Prozess der mechanochemischen Aktivierung auch zu Veränderungen in der kristallinen Struktur des Materials. Dies bedeutet, dass kristalline Strukturen aufgebrochen werden und amorphe, reaktive Phasen entstehen, die mit dem während der Hydratation des Zements entstehenden Portlandit zusätzliche C-S-H und C-A-H Phasen bilden. Diese sekundäre C-S-H Bildung kann aufgrund der höheren Dichte zu höheren Festigkeiten führen. Dies gilt unter anderem für Materialien wie Flugasche, die wenig reaktive Phasen enthalten und deren Reaktivität durch mechanochemische Aktivierung dramatisch verbessert wird.
Aktivierungsmechanismen
Die mechanochemische Aktivierung folgt mehreren grundlegenden Mechanismen:
- Oberflächenvergrößerung: Das Mahlen vergrößert die Oberfläche des Materials erheblich, und es stehen mehr Reaktionsstellen zur Verfügung.
- Defektbildung: Mechanischer Stress führt zu Gitterdefekten und Brüchen im Kristallgitter, wodurch diese chemisch reaktiver werden.
- Phasenumwandlung: Mechanische Energie kann stabile kristalline Phasen in amorphe, höher energetische Phasen umwandeln, die chemisch reaktiver sind.
- Erhöhte Löslichkeit: Die mechanochemische Aktivierung erhöht auch die Löslichkeit der Materialien in der Zementmatrix, was die zusätzliche Bildung der C-S-H und C-A-H Phasen ermöglicht, und die Aushärtung des Zements unterstützt.
Anwendungen und Vorteile der mechanochemischen Aktivierung
Die Anwendung der mechanochemischen Aktivierung auf SCMs bietet viele signifikante Vorteile:
Verbesserte Reaktivität
Reduzierung des Zementgehalts
Nachhaltigkeit
Kosteneinsparungen
Energieträger
Prozessflexibilität
Herausforderungen und zukünftige Entwicklungen
Trotz der vielversprechenden Vorteile der mechanochemischen Aktivierung gibt es auch Herausforderungen, die überwunden werden müssen. Frühere Untersuchungen zur Aktivierung wurden häufig in Vibrations- oder Planetenmühlen durchgeführt. Die Prozessparameter und Arbeitsprinzipien dieser Labormaschinen sind in der Regel nicht auf industrielle Anlagen übertragbar. Als hervorragende Alternative hat sich die Aktivierung in einer trockenen Rührwerkskugelmühle herausgestellt. Mit der Baureihe Pamir bietet NETZSCH eine trockene Rührwerkskugelmühle, die sowohl eine Zerkleinerung als auch eine Aktivierung verschiedener SCMs realisieren kann und in einer Vielzahl von Größen von Labor- bis hin zu industriellen Produktionsmaschinen erhältlich ist.
Für die Vermarktung einer industriellen Gesamtanlage besteht starke Partnerschaften mit der thyssenkrupp Polysius GmbH aus Beckum, sowie mit Minerva Engineering Inc. in der Türkei. Als Verlässlicher Partner für Planung, Installation und Inbetriebnahme kompletter Prozessgruppen übernimmt Polysius oder Minerva diese Aufgaben in enger Zusammenarbeit mit NETZSCH.
Fazit
Die mechanochemische Aktivierung ist eine vielversprechende Methode zur Verbesserung der Reaktivität von SCMs und bietet eine nachhaltige und wirtschaftliche Möglichkeit, die Zementproduktion zu optimieren und in Zukunft zu revolutionieren. Sie trägt zur Reduzierung der CO2-Emissionen in der Zementindustrie bei und eröffnet neue Möglichkeiten für die Verwendung von industriellen Nebenprodukten in der Bauindustrie. Durch weitere Forschung und technologische Innovationen kann die mechanochemische Aktivierung zu einem festen Bestandteil der modernen Zement- und Betonproduktion werden.